Remember, remember …

Veröffentlicht am Di., 9. Okt. 2018 12:47 Uhr
Allgemeines
von Birgit Gerritzmann, Pfn. i. R.

Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen. (Albert Einstein)

In Deutschland: the 9th of November.
Welcher 9. November fällt Ihnen dazu ein? Hier eine kleine Auswahl:

  • 9. November 1918 – Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann in Berlin.
  • 9. November 1923 – Hitler-Ludendorff-Putsch in München, “Marsch auf die Feldherrenhalle”. 16 Todesopfer, Hitler wird zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt, sitzt aber nur 9 Monate. Später erklärten die Nazis den 9. November zu einem Gedenk- und Feiertag.
  • 9. November 1938 – Scheitelpunkt der Novemberpogrome (7. bis 13. November), verharmlosend wegen der vielen Glasscherben “Reichskristallnacht” genannt.
  • 9. November 1989 – Mauerfall.

Persönliche Erinnerungen haben sicher noch relativ viele – auch ich – an den Fall der Mauer. Die unerwartete Öffnung der Grenze, die große Euphorie auslöste und als ein Wunder betrachtet wurde.

Aber nicht nur Ereignisse mit persönlicher Erinnerung sind real und wichtig. So war 1918 der Grundstein für unsere heutige Republik. Diejenigen, die 1923 zum Putsch zur Feldherrenhalle marschierten, wollten da bereits die Idee der Republik auf ihre Weise missbrauchen. Sie gierten nach Macht, mit der sie ab 1933 ihre Hassziele verfolgten. Ihre scheußliche Fratze war für alle, die hören und sehen wollten, spätestens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 deutlich zu sehen.
Der 17jährige Herschel Grynszpan hatte am 7. November in Paris den Legationssekretär Ernst von Rath erschossen. Er sah in ihm den Verantwortlichen für die Deportation von etwa 15.000 aus Polen stammenden Jüdinnen und Juden in das Niemandsland zwischen Deutschland und Polen. Zu den Abgeschobenen gehörten auch seine Eltern, seine Schwester Berta und sein Bruder Marcus.

Die Nazis machten aus der Verzweiflungstat des jungen Mannes einen Beweis für die “jüdische Weltverschwörung” und schlachteten sie für ihre Propagandazwecke aus. Der “spontane Volkszorn”, der sich dann entlud, war nachweislich von der Partei geplant und mit minutiösen Anweisungen versehen: Synagogen sollten in Brand gesteckt, jüdisches Eigentum – Geschäfte und Wohnungen – sollten zerstört, aber nicht geplündert werden. Polizei und Feuerwehr hatten die Anweisung, nicht zugunsten der Juden einzugreifen.

Alle Befehle wurden gehorsam befolgt. Abgesehen von der Plünderung. Da griff auch die Polizei zur Verhinderung kaum ein. Goebbels fand das offensichtlich nicht besonders schlimm, denn er bemerkte: “Da haben sich die kleinen Leute von Berlin endlich mal wieder ordentlich ausstatten können. Sie hätten sehen sollen, wie die das genossen haben: Damenpelze, Teppiche, kostbare Stoffe – alles gab es umsonst. Die Menschen waren begeistert! Ein Erfolg für die Partei.” (Kristallnacht, Sven Felix Kellerhoff, S.35; zitiert nach Graml, Reichskristallnacht, S.34) Der “spontane Volkszorn” – ein gewaltiger Beutezug.

Fazit: An die 300 Synagogen wurden zerstört, 7.500 Geschäfte verwüstet, mehr als 90 Juden überlebten die Nacht nicht, etwa 26.000 Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Demolierte Wohnungen wurden offensichtlich nicht gezählt. Die Behebung der Schäden sowie ihre Bezahlung von einer Milliarde Mark wurde den Juden aufgebürdet. Gipfel des Zynismus!

Die systematische Ausgrenzung von Juden aus dem öffentlichen Leben wurde forciert, bis hin zur Kennzeichnung durch den gelben Stern, der Deportation und der Ermordung.

Lange ist das nun her - 80 Jahre. Manche fordern, nun solle aber ein Schlussstrich gezogen und der Mantel des Vergessens darüber gebreitet werden. Dagegen ist laut Talmud die Erinnerung das Geheimnis der Erlösung. Auch in der Bibel ist die Erinnerung, das Gedächtnis enorm wichtig. Jeden Sonntag wiederholen wir beim Abendmahl die Aufforderung Jesu: “tut dies zu meinem Gedächtnis”. Ist das nur eine hohle Phrase oder hoffen wir, dass Jesus dann wirklich lebendig mitten unter uns ist?

Die Erinnerung an Schönes halten wir gerne wach. Aber an Schreckliches? Um uns immer wieder klein und hässlich zu fühlen? Da halte ich es mit Ignatz Bubis, dem früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden: “Ich erwarte nicht, dass ihr jeden Morgen erst mal ein Häufchen Asche holt und euch über das Haupt streut. Aber ihr müsst wissen, wozu Menschen fähig waren.”

Wir wissen es, und wir sehen auch, wozu Menschen heute fähig sind. Rostock-Lichtenhagen, Chemnitz …. Schaffen wir es, dagegen zu steuern? Helfe uns Gott dabei!

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